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Der Mensch wird zum Datensatz

Ein Beitrag aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. Januar 2010. Der Artikel wurde zwar nicht mit Bezug auf eHealth und die neue Versichertenkarte geschrieben, aber alle Aussagen sind darauf übertragbar.

Von Frank Rieger

«Wenn es ein Phänomen wie das absolute Böse überhaupt gibt, dann besteht es darin, einen Menschen wie ein Ding zu behandeln», schrieb John Brunner in seinem prophetischen Werk «Der Schockwellenreiter». Das war 1975. Fünf Jahre später war «Rasterfahndung» das Wort des Jahres. Richtig funktioniert hat Horst Herolds Vision der staatlichen Digitalbegleitung «von der Wiege bis zur Bahre» nie - bisher jedenfalls. Die Algorithmen waren zu schlecht, die Prozessoren zu langsam, die Datenbasis zu dünn, der Widerstand zu gross, das Verfassungsgericht auf der Hut.

Seit einigen Jahren hat sich die Lage grundlegend geändert, auch ausserhalb der Computerkatakomben des BKA. Es gibt jetzt genügend digital erfasste Lebensäusserungen, Kommunikation, Bilder, Mobiltelefon-Bewegungsinformationen, Einkaufsentscheidungen, täglich werden es mehr. Getrieben vom reichlich verfügbaren Datendünger, spriessen die mathematischen und statistischen Methoden zur Auflösung der Persönlichkeit in klassifizierbare Einzelaspekte zu ungeahnter Güte.

Immer mehr Facetten des Lebens finden online oder von Computern erfasst statt, werden zugänglich und gespeichert. Dank drastischer Verbilligung von Speicher- und Verarbeitungskapazitäten werden Algorithmen praktikabel, die in grossen Datenmengen von Millionen Nutzern noch die entlegensten Zusammenhänge aufspüren können: Death-Metal-Fans über fünfunddreissig Jahren, die sich für Spanien-Reiseführer interessieren, bestellen überdurchschnittlich oft Babywindeln und Schnuller online.

Das einzigartige Menschenwesen

Aus der Sicht solcher Typisierungsalgorithmen sind wir in unserer Individualität nur ein statistisch mehr oder weniger häufiges Bündel von Merkmalen und Eigenschaften, das sich in Handlungen und äusserungen materialisiert. Je mehr Daten es über uns alle gibt, desto klarer wird der digitale Schattenriss des Einzelnen. Moderne Algorithmen funktionieren umso besser, je mehr Basisdaten sie bekommen. Wenn mehr Exemplare eines spezifischen Verhaltensmusters im Datenbestand sind, dann lässt es sich genauer charakterisieren und quantifizieren.

Je spezieller die Frage - etwa ob jemand mit seiner Arbeitssituation unzufrieden ist und bald kündigen wird -, desto präziser lassen sich die dazugehörigen Datenpunkte benennen. Potentielle Jobsuchende benutzen spezifische Wörter, besuchen bestimmte Websites, kaufen Ratgeberbücher, sind öfter krank. Die Muster sind nicht scharf umrissen, es sind eher statistische Häufungen. Aus den Daten über Zehntausende Unzufriedene lässt sich problemlos ein Orakel-Algorithmus erstellen, der für eine Person die Kündigungswahrscheinlichkeit berechnet. Google macht es für seine Mitarbeiter schon.

Wir werden abgebildet als eine Kombination von kleinen Merkmalsschubladen, die zusammengenommen etwa so viel mit unserem wirklichen Wesen zu tun haben wie eine Landkarte mit der Landschaft. Diese Persönlichkeitslandkarten sind mal schärfer, mal unschärfer, mal zeigen sie nur grobe Umrisse von Interessen, oft sind sie erschreckend präzise und genau. Wie eine Landkarte können sie aber immer nur quantifizierbare, benennbare Eigenschaften aufzeigen. Hier gibt es eine Strasse, einen Fluss, ein Dorf. Dass es dort wunderschön ist, zeigt die Landkarte nicht. Genauso wenig wird hinter dem schubladisierten Persönlichkeitsabbild das einzigartige Menschenwesen sichtbar.

Der Trend geht zur Konsolidierung

Die Profile sind nützlich, um uns gezielt zum Kauf von mehr nutzlosem Tand oder interessanteren Büchern zu verleiten, uns effizienter zu verwalten und zukünftiges Verhalten zu prognostizieren. Und um Menschen unter präventive überwachung zu stellen, deren Profil sich bedenklich dem von Straftätern nähert. Dabei geht es nicht um hundertprozentige Präzision der Vorhersage. Wahrscheinlichkeiten, Neigungen, Tendenzen, Zugehörigkeit zu Kohorten sind die Währungen der algorithmischen Orakel. Wenn ein Kaufvorschlag nicht passt, ignoriert ihn der Kunde. Wenn das Sondereinsatzkommando morgens um sechs die falsche Tür eintritt, entschuldigt sich der Polizeipräsident vielleicht und schickt einen Blumenstrauss. Manchmal nicht mal das.

Die Geheimdienste haben das Arbeitsprinzip der Wahrscheinlichkeitsverbesserung schon vor Jahrzehnten entdeckt. Sie sind seit Beginn des Digitalzeitalters mit einer wachsenden Datenflut aus strategischen Abhöroperationen und angezapften Datenbanken konfrontiert. Mit den etwas unscharfen, aber wirkungsvollen Methoden der automatischen Analyse versuchen sie, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ihre menschlichen Analysten vorwiegend interessante Gespräche und Nachrichten auswerten. Spracherkennung, Stichwortsuche, semantische Analysen und statistisch-mathematische Modelle sind das tägliche Brot der Geheimen. Ihre Methoden inspirieren Start-ups, aber auch den durchschnittlichen Strafverfolger. Firmen setzen oft auf das sogenannte Crowdsourcing - die letzten paar Prozent Identifizierungsarbeit erledigen gelangweilte Internetnutzer. Die können dann etwa Nachhilfe für die Gesichtserkennung auf den Partybildern geben.

Noch sind die verschiedenen Datenquellen einigermassen getrennt. Das Wissen um Zugehörigkeit des Einzelnen zu den verschiedenen Schubladen, die seine Persönlichkeit aus algorithmischer Sicht ausmachen, befindet sich auf verschiedenen Computern, bei Behörden, bei Firmen. Einige, wie Facebook und Google, kennen weitaus mehr dieser Fragmente als andere. Der Trend geht aber zur Konsolidierung, ohne dass die Kartellbehörden auch nur ahnen, was passiert.

Der Umbau der sozialen Normen

Interessant ist, dass die gerade so modischen «Privatsphäre ist vorbei»-Behauptungen vorwiegend von Vertretern der Firmen kommen, die vom Datenhorten am meisten profitieren. Es sind die Chefs von Facebook und Google, von Oracle und Sun. Unternehmen, die mehr Geld verdienen, wenn die Nutzer mehr von sich preisgeben, also mit Informationen über sich selbst für die vordergründig kostenlosen Angebote bezahlen. Im schnöden Profitinteresse wollen sie uns einreden, dass es selbstverständlich ist, jedes Lebensdetail digital zu publizieren. Der Unternehmenswert bemisst sich nach der Zahl der Nutzer und ihrer Informationsfreigebigkeit. Das Erzeugen von Gruppendruck ist die Kernkompetenz sozialer Netzwerke. Die Frage nach den Folgen für die Gesellschaft hat eine ähnliche Dimension wie die Frage nach der Verantwortung der Kasinobanker für die verzockte Zukunft ganzer Länder: Einige wenige betreiben zur kurzfristigen Gewinnmaximierung den Umbau der sozialen Normen, mit unabsehbaren Folgen.

Eine Prognose der künftigen Entwicklung lautet, dass wir toleranter werden. Gleich ob kompromittierende Fotos, unmoralische Hobbys oder seltsame Gewohnheiten - sobald wir alles von allen sehen, müssen wir damit leben. Doch die moralischen Masstäbe eines bayerischen Bergdorfes lassen sich unter den Bedingungen vollständiger Transparenz von allen für alle nicht aufrechterhalten.

Wir müssen uns ernsthaft der Frage stellen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der kleine und grössere übertretungen von moralischen und rechtlichen Normen nicht mehr verborgen bleiben. Wenn übertretungen einmal aufgezeichnet sind, ist die Versuchung gross, sie auch - vorzugsweise automatisiert - zu ahnden. Ist ein solches Leben auszuhalten, erstrebenswert, menschenwürdig? Bisher wird nicht jedesmal, wenn jemand nachts um vier bei roter Ampel über die leere Strasse läuft, automatisch ein Strafzettel erstellt. Bald ist das kein Problem mehr.

Die softwaregestützte Durchregelung des Alltags

In den Niederlanden, einem Land ohne Verfassungsgericht, wo Veränderungen schneller und radikaler als in Deutschland geschehen, arbeitet man mit Verve an der Umsetzung des durchdigitalisierten, störungsfreien Lebens. Staat, Strafverfolger und grosse Teile der Bevölkerung finden dort eine uferlose Maximierung der Datenbasis vollkommen in Ordnung. Mit Toleranz hat man es lange versucht, nun schlägt das Pendel in die Gegenrichtung aus. Die Behörden haben beschlossen, dass die vollständige Transparentmachung und Kontrolle von Informations-, Geld- und Bewegungsströmen die Kernelemente eines modernen Präventionsstaates sind. Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und deren enge Verzahnung mit dem Sicherheitsapparat führen zu Methoden der Ordnungserzwingung, die in Deutschland bisher undenkbar scheinen. Seit neuestem gibt es präventive, nicht verweigerbare gemeinsame «Hausbesuche» durch Behörden und Polizei in allen Wohnungen ganzer Stadtviertel.

Und wenn sich keine justiziablen Beweise für Verfehlungen finden lassen, nur Anhaltspunkte vielleicht, gibt es noch das «Projekt Gegenwirken». Normalerweise werden all die kleinen Unannehmlichkeiten, die ein Staat dem Bürger zumutet, per Zufall oder algorithmisch anhand von hoffentlich halbwegs objektiven, geheimgehaltenen Kriterien gleichmässig verteilt. Wer jedoch ins Visier von «Gegenwirken» gerät, hat plötzlich dauernd eine Steuerprüfung, jeder Behördengang wird zum Spiessrutenlauf, dank eines nicht einsehbaren «Vorsicht!»-Zeichens in den Datensätzen. Hygienekontrolle und Brandschutzinspektion kommen so oft wie möglich, die Parkzettelverteiler kommen jeden Tag. Für den Betroffenen gibt es keine Möglichkeit zur effektiven Gegenwehr. Von aussen betrachtet, hat er einfach Pech. Sein Leben wird zur Hölle, und die ausführenden Bediensteten wissen oft nicht, dass sie die Dämonen sind. Sie folgen nur den Anweisungen, die aus dem Computer fallen. Dass das «Gegenwirken»-Opfer nicht der Zufall ausgewählt hat, sondern vielleicht ein spezieller Algorithmus, der bestimmte Verhaltensmuster als problematisch identifiziert hat, ist für sie nicht ersichtlich. Sie machen nur ihren Job und führen Befehle aus.

Die softwaregestützte Durchregelung des Alltags, das Schwinden menschlichen Ermessensspielraumes zugunsten algorithmisch generierter Handlungsanweisungen findet sich überall. Die Sachbearbeiter in Unternehmen oder ämtern führen oft nur aus, was ihnen «die Software» vorgibt. Sich gegen die Vorgabe zu entscheiden ist aufwendig und anstrengend, muss gerechtfertigt werden. Callcenter-Mitarbeiter folgen einem vorgegebenen Skript auf dem Bildschirm. Je nach Anliegen und Reaktion des Kunden wird einer anderen Verzweigung des Szenarios gefolgt. Es ist effizienter und gerechter so, oder?

Eine Art Tobin-Tax auf überflüssige Daten

Man muss genau hinsehen. Die Algorithmen, Software und Parameter werden von Menschen gemacht - meist Berater, gemietet bei einem Consulting-Unternehmen. Entsandt, um Sparpotentiale zu realisieren, Prozesse stromlinienförmig zu machen und - ganz wichtig - mehr auswertbare Daten zu erzeugen. Vorschriften werden zu Software. Der Mensch wird wie ein Ding behandelt, als Bündel von Merkmalen und Kategorien.

Was tun? Die Erkenntnis, dass wir zu digitalen Menschenprofilen werden, ist nicht selbstverständlich. Wir sind es gewohnt, als Individuen behandelt zu werden. Die gesellschaftliche Debatte um das Recht des Menschen auf seine Daten wurde zuletzt vor fünfundzwanzig Jahren geführt. Damals war vieles, was heute üblich ist, erst schemenhaft sichtbar, als dystopische Science-Fiction-Vision oder in angsteinflössenden Interviews mit Horst Herold. Jetzt ist es an der Zeit, den Faden wiederaufzunehmen. Neue soziale Normen sollten einer Gemeinschaft nicht ohne Debatte aufgezwungen werden.

Es bedarf konkreter Gegenwehr. Die Algorithmen müssen auf Datendünger-Diät gesetzt und vergiftet werden. Im Privaten hilft digitale Selbstverteidigung. Wir sollten alle davon ausgehen, dass jedweder Datensatz, den wir irgendwo angeben, gegen uns verwendet wird. Sei es im Rahmen einer unerwünschten Profilerstellung, sei es, wenn er beim nächsten Datenskandal «verlorengeht». Es gibt keinen guten Grund, ausser in sehr eng begrenzten Fällen, überhaupt korrekte Daten anzugeben.

Noch wichtiger ist ein nachdrückliches Eingreifen des Gesetzgebers. Dem Erstellen massenweiser Lebensprofile aus Vorratsdatenspeicherung und privaten Dateien durch Behörden wird hoffentlich das Verfassungsgericht einen Riegel vorschieben. Es ist jedoch erforderlich, dass auch Unternehmen bestimmte Arten der Persönlichkeitsprofilierung untersagt werden. Um eine neue Datenschutz-Balance wirksam zu erzwingen, ist die Einführung einer aktiven, regelmässigen Mitteilungspflicht von Behörden und Unternehmen über die gespeicherten Daten an jeden einzelnen Betroffenen notwendig. Wir nennen es den Datenbrief. Dabei müssen nicht nur die Rohdaten mitgeteilt werden, sondern auch alle abgeleiteten Informationen, eben die extrahierten Merkmale und Profile, inklusive der Möglichkeit, sofort die Löschung zu verlangen. Zudem bedarf es der persönlichen Haftung der Geschäftsführung für Datenverbrechen, sowohl bei illegaler Weitergabe und Verarbeitung als auch bei Sicherheitsschwankungen.

Der Effekt wäre eine Art Tobin-Tax auf überflüssige Daten. Es lohnt sich dann nur noch, Daten aufzuheben, die wirklich notwendig sind. Das zu erwartende Gejammer der Profiteure sollte im öffentlichen Interesse geflissentlich ignoriert werden. Der alte Einwand, dass die Unternehmen abwandern und die Daten im Ausland verarbeiten, ist nichts weiter als ein Hinweis an den Gesetzgeber, dem vorzubeugen sowie auf europäischer und internationaler Ebene harte Vereinbarungen nach deutschem Vorbild durchzusetzen.

Frank Rieger ist Sprecher des Chaos Computer Clubs und technischer Geschäftsführer einer Firma für Kommunikationssicherheit. Im Auftrag des Bundesverfassungsgerichts hat er ein Gutachten zur Vorratsdatenspeicherung verfasst.

Text: F.A.Z.